Für das gesunde Aufwachsen und die Initiierung von Entwicklungsprozessen im Kindesalter
spielen Bewegung, Spiel und Sport eine zentrale Rolle. Für die Gesundheit und das Wohlbefinden
von Kindern wird, unter Annahme eines Zusammenhangs zwischen körperlicher Aktivität,
körperlicher Leistungsfähigkeit und dem Gesundheitsstatus (Abb. 1; vgl. u. a. Bouchard
& Shepard 1994), ein Mindestmaß von 60 Minuten körperlich-sportlicher Aktivität pro Tag als
unabdingbar beschrieben (Bös 2004). Was das tägliche Erreichen dieses Mindestmaßes im
Kindesalter betrifft, so muss eine sozio-ökologische Entwicklung der vergangenen zehn bis
zwanzig Jahre besondere Beachtung finden: Die Veränderung der kindlichen Lebens- und
Bewegungswelt, die sich mit den Schlagworten Verinselung von Lebensräumen, Verhäuslichung
des kindlichen Spiels, Verbauung potentieller Bewegungsräume sowie Motorisierung
und Automatisierung von Alltagsaktivitäten am besten kennzeichnen lässt und aus der eine
zunehmende Inaktivität im Kinderalltag resultiert (vgl. u. a. Hurrelmann & Bründel 2003).

Abb. 1: Hypothetischer Zusammenhang von körperlicher Aktivität, körperlicher Fitness und Gesundheit (in Anlehnung an Bouchard & Shepard 1994)
Dass diese Veränderungen nicht ohne Auswirkungen blieben, darauf verweisen rückläufige
Tendenzen im Gesundheitsstatus der Kinder (vgl. Jahn & Senf 2006). So ist anzunehmen,
dass eine Vielzahl an Bewegungsmöglichkeiten im Kinderalltag eine optimale Auseinandersetzung
der Heranwachsenden mit äußeren Lebensbedingungen fördert, ungenügende Bewegungschancen
dagegen notwendige Anpassungs- und Entwicklungsprozesse verhindern
(vgl. Rütten & Ziemainz, 2001, Hurrelmann & Bründel 2003). Die Konsequenzen spiegeln
sich vor allem in der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder wider. Dabei schätzen Wis5
senschaftler dieses Forschungsgebietes den Rückgang der motorischen Leistungen in den
vergangenen 25 Jahren auf durchschnittlich zehn Prozent ein (vgl. Bös 2003; Graf et al.
2004).
Doch zunächst ein kleiner Exkurs dazu, was man eigentlich unter motorischer Leistungsfähigkeit
versteht:
Motorische Fähigkeiten gelten als Voraussetzungen, die Bewegungen zugrunde liegen. Die
Entwicklung dieser grundlegenden motorischen Fähigkeiten und der Fertigkeiten ist vor allem
von genetischen Prädispositionen, zentralnervösen Reifungsprozessen, spezifischen
Übungsprozessen sowie der Quantität und Qualität körperlicher Aktivität im Alltag abhängig
(vgl. Graf & Dordel 2007). Die motorischen Fähigkeiten werden dabei zum einen in die vorwiegend
energetisch determinierten konditionellen Fähigkeiten und zum anderen in die informationsbedingten
koordinativen Fähigkeiten unterteilt (Abb. 2).

Abb. 2: Differenzierung motorischer Fähigkeiten und Fertigkeiten (in Anlehnung an Bös 1987)
Zu den konditionellen Fähigkeiten zählt die Ausdauer, unter der man die Fähigkeit versteht,
eine Leistung bzw. Bewegung möglichst lange durchzuhalten und der Ermüdung zu widerstehen,
z. B. beim Laufen und Radfahren. Gleichfalls fällt die Kraft in diese Kategorie. Sie
wird als generalisierte Leistungsvoraussetzung beschrieben, die es uns ermöglicht, im Bewegungsverlauf
einen Widerstand zu überwinden oder ihm entgegenzuwirken, so z. B. beim
Springen oder Klettern. Die motorische Beanspruchungsform Schnelligkeit nimmt eine mittlere
Position zwischen energetischen bestimmten und informationsbedingten Fähigkeiten ein.
Sie ist definiert als die Fähigkeit, eine oder mehrere Bewegungen mit größtmöglicher Geschwindigkeit
auszuführen. Koordination beschreibt das Zusammenspiel von Zentralnervensystem
und Skelettmuskulatur bei Bewegungsabläufen, wie beispielsweise dem Balancieren.
Zu den koordinativen Fähigkeiten zählt man vor allem die Reaktions-, Gleichgewichts-, Orientierungs-,
Kopplungs-, Rhythmisierungs- und Differenzierungsfähigkeit. Die koordinativen
Fähigkeiten sind sehr eng an Handlungen gebunden und spielen daher eine wichtige Rolle
bei der Entwicklung motorischer Fertigkeiten, wie dem Werfen, Fangen, Seilspringen, Laufradfahren
usw. Die motorische Fähigkeit Beweglichkeit kennzeichnet schlussendlich die
Dehnfähigkeit, d. h. die erreichbare Bewegungsweite in einem oder mehreren Gelenken (vgl.
Jahn & Senf 2006).
Die im Voraus beschriebenen Veränderungstendenzen bzgl. der motorischen Leistungsfähigkeit
und die angenommenen Ursachen Verbauung, Technologisierung usw. sind grundsätzlich
nicht unkritisch zu diskutieren, wirken doch, wie im Modell von Bouchard und Shepard
(1994) aufgezeigt wurde, neben Umweltfaktoren verschiedene weitere Determinanten
auf die motorische Leistungsfähigkeit ein. Die Veränderung der kindlichen Lebens- und Bewegungswelt
wirkt daher nicht bei jedem Kind zwingend negativ. So profitieren vor allem Heranwachsende
mit guten motorischen Prädispositionen, großem Bewegungsdrang oder hoher
Bewegungsfreude von zunehmend zahlreicher initiierten Bewegungs- und Sportangeboten
für diese Altersgruppe. Trotzdem zeichnen die Ergebnisse sächsischer Einschulungsuntersuchungen
ein ernstzunehmendes Bild (SMS 2004): Die Befundhäufigkeiten motorischer
Entwicklungsrückstände sind bereits in den Jahren 1997 bis 2002 von Listenplatz 6 auf Position
3 gestiegen. Dieser Trend wird sich, so ist anzunehmen, bis zum heutigen Zeitpunkt
nicht gegensätzlich entwickelt haben. Im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen weisen
auch die Befunde zum Übergewicht, zu psychovegetativen Störungen und zu Haltungsschäden
von Schulanfängern negative Trends auf und setzten unübersehbare Signale (vgl. Graf,
Dordel & Reinehr 2007). Die durch diese Veränderungen entstehenden Kosten sind bislang
für das Gesundheitssystem und die Gesellschaft nicht absehbar.
In jüngerer Zeit tritt in Sachsen, wie auch bundesweit, die Problematik der zunehmenden Inaktivität
und der daraus resultierenden Folgen immer stärker in den Fokus der Forschung
und der Medien. Dabei werden aber eher Spekulationen und Einzelbeobachtungen referiert
als seriöse Forschungsergebnisse vorgelegt. Die einzigen belastbaren Daten für Sachsens
Kindergartenkinder stammen dabei aus einem Förderprojekt von 2004 und sind leider nur für
Leipzig Stadt und Land repräsentativ (Senf & Schubert 2005).
Das im August 2007 vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales in Auftrag gegebene
Forschungsprojekt „Statuserhebung zur motorischen Leistungsfähigkeit von vier- bis sechsjährigen
sächsischen Kindern in Sachsen” setzt nun genau an diesem Defizit an. Im Mittelpunkt
des Forschungsvorhabens steht zunächst die Erfassung repräsentativer Daten zum
gegenwärtigen Status der motorischen Leistungsfähigkeit, sprich zur körperlichen Fitness
sächsischer Kinder. Künftige Maßnahmen und Interventionen im Bereich der Bewegungsförderung
können sich nach Realisierung des Forschungsvorhabens auf konkrete Daten stützen
und ermöglichen eine zielgenaue Konzipierung von Interventionen sowie eine individuellere
Einflussnahme als bisher. Insofern gilt diese Studie als unerlässliche Grundlage für die
geplante sachsenweite Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern im Bereich „Bewegung,
Spiel und Sport”.
Die im Folgenden vorgestellte MoKiS-Studie (Motorik von Kindern in Sachsen) ist eingebunden
in den Bereich „Bewegungsförderung” innerhalb des sächsischen Gesundheitsziels „Gesund
aufwachsen” und wird in Kooperation von Sport- und Erziehungswissenschaftlern der
Technischen Universität Chemnitz und der Universität Leipzig umgesetzt. Eine Website, in
Form eines Informationstools, wurde unter der Adresse www.mokis-studie.de eingerichtet.



