4.1 Soziodemographische Aspekte
In die Auswertung der Studie fließen die Daten von 1.338 vier- bis sechsjährigen Jungen und
Mädchen aus 50 Kindertagesstätten des Freistaates Sachsen ein. Die Stichprobe der Studie
stellt damit 1,75 % der Grundgesamtheit sächsischer Kindertagesstätten dar. Die charakteristische
Verteilung der Kinder im Datensatz (vgl. Tab. 1; Abb. 4) entspricht in Bezug auf die
Variablen Alter und Geschlecht sowie Regierungsbezirk und Gemeindegröße der realen Verteilung
sächsischer Vier- bis Sechsjähriger in den Kindertagesstätten sowie den Einwohnerstatistiken.
Die im Folgenden getroffenen Aussagen zum Bewegungsstatus sächsischer Kinder
gelten daher, soweit nicht explizit auf eine Einschränkung hingewiesen wird, als repräsentativ
für Sachsen.
Tab. 1: Stichprobe gesplittet nach Regierungsbezirken, Alter und Geschlecht
|
|
Dresden |
Leipzig |
Chemnitz |
gesamt |
|
|
4-Jährige |
männlich |
71 |
33 |
75 |
387 |
|
weiblich |
89 |
46 |
73 |
||
|
5-Jährige |
männlich |
103 |
63 |
104 |
563 |
|
weiblich |
105 |
74 |
114 |
||
|
6-Jährige |
männlich |
93 |
34 |
81 |
388 |
|
weiblich |
74 |
35 |
71 |
||
|
gesamt |
535 |
285 |
518 |
1338 |
|
Die Abbildung 4 stellt die Verteilung der Stichprobe auf die Gemeindegrößen dar. Dabei
werden der Gemeindegrößenklasse 1 die Kinder zugewiesen, die in ländlichen Regionen
Sachsens leben, der Gemeindegrößenklasse 8 diejenigen, die in Großstädten, wie Leipzig,

Abb. 4: Verteilung der Stichprobe bzgl. der Variable Gemeindegröße (N= 1.338)
Chemnitz oder Dresden, aufwachsen. Die anderen Gemeindegrößen liegen, mit zunehmend
städtischerem Charakter, dazwischen. Die Zahl der untersuchten Kindertagesstätten in den
einzelnen Gemeindegrößen basiert auf den jeweiligen Einwohnerzahlen (vgl. Kap. 3.1).
4.2 Gewichtsstatus
Überaus interessant für die Einordnung der Ergebnisse zur motorischen Leistungsfähigkeit
sächsischer Kinder erweist sich vorab die Betrachtung des Gewichtsstatus, als eine der zentralen
Größen des allgemeinen Gesundheitszustandes von Kindern. Dazu wurden Körpergröße
und Körpergewicht der Vier- bis Sechsjährigen erfasst, der Body-Mass-Index (BMI) errechnet
und entsprechend der Perzentile für den BMI (vgl. Kromeyer-Hauschild et al. 2001)
klassifiziert. Dabei zeigt sich, dass die Ergebnisse dieser sächsischen Stichprobe der
deutschlandweiten Situation entsprechen: Rund 4/5 der Vier- bis Sechsjährigen sind normalgewichtig,
6 % jedoch als übergewichtig und 3 % als adipös einzuordnen (vgl. Abb. 5).

Abb. 5: Verteilung der Stichprobe bzgl. der Variable Gewichtsstatus (N=1.329) und Perzentile für
den BMI von Jungen (vgl. Kromeyer-Hauschild et al. 2001)
Jungen und Mädchen unterscheiden sich in der Auftretenshäufigkeit von Übergewicht oder
Adipositas in den untersuchten Altersgruppen nicht wesentlich. Betrachtet man den Gewichtsstatus
der Kinder hinsichtlich der Variable Alter, so lässt sich vom vierten zum sechsten
Lebensjahr bei den Mädchen ein ansteigendes Übergewichtsrisiko feststellen. Bei den
Jungen zeigt sich tendenziell eine ähnliche Entwicklung der Prävalenz zu Übergewicht und
Adipositas. Bezieht man die Wohnregion, sprich die städtisch oder ländlich gelegenen Lebensräume
der teilnehmenden Kinder in die Betrachtung des Gewichtsstatus ein, so lassen
sich diesbezüglich keine Unterschiede zwischen Stadt- und Landkindern ermitteln.
4.3 Motorische Leistungsfähigkeit
Im nächsten Abschnitt werden die Ergebnisse zum Bewegungsstatus der sächsischen Kinder
dargestellt. Sie geben einen Überblick dazu, was vier- bis sechsjährige Jungen und
Mädchen momentan konditionell und koordinativ leisten können. Soweit es sinnvoll erscheint,
werden die Ergebnisse bezüglich der Variable Gewichtsstatus sowie den Variablen
Regierungsbezirk und Gemeindegröße analysiert.
Aufgrund fehlender sächsischer Vergleichswerte werden die Ergebnisse keine Einschätzungen
dazu zulassen, ob diese Altersgruppen in den letzten Jahren motorisch leistungsstärker
oder -schwächer geworden sind. Die Resultate zeigen einen Ist-Zustand auf, an dem man
sich in den nächsten Jahren vergleichend orientieren sowie eine Bewertung der motorischen
Leistungen einzelner Kinder oder Gruppenvornehmen kann.
Um eine nationale Einordnung zu ermöglichen, werden die sächsischen Daten, da wo es
möglich ist, mit den Referenzwerten der deutschlandweiten KiGGS-Studie verglichen. Auf
dieser Basis lassen sich zielorientiert Handlungsempfehlungen für die kommenden Jahre ableiten,
die richtungweisend zu einer optimalen Bewegungsförderung sächsischer Vorschulkinder
beitragen können.
Die Ergebnisse zur motorischen Leistungsfähigkeit werden zunächst ungewertet Testübung
für Testübung vorgestellt. Anschließend werden die Ergebnisse auf einen Blick zusammengefasst
und diskutiert. Der Schwerpunkt des letzten Kapitels liegt in der Ableitung von
Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen.
Testübung Standweitsprung
Anhand der Testübung Standweitsprung lassen sich Aussagen zur Sprungkraft der Kinder
treffen. Dabei werden die Leistungen in dieser Testübung nicht nur von der Kraft der Beine
beeinflusst, sondern ebenso von der koordinativen Fähigkeit zur optimalen räumlich-zeitlichdynamischen
Kopplung der Teilbewegungen beim Schwungholen und Abspringen. Die Auswertung
dieser Testübung zeichnet nun folgendes Bild: Wie erwartet nimmt die Sprungweite
bei Mädchen und Jungen mit steigendem Alter zu. Dies geschieht aufgrund von normalen
körperlichen Entwicklungsprozessen. Dabei zeigt sich, dass Jungen bereits im Kindergartenalter
tendenziell weiter springen als Mädchen. Während bei den Vierjährigen (Mm= 79cm;
Mw= 75cm) und Fünfjährigen (Mm= 97cm; Mw= 93cm) diese Varianz noch gering ist, zeigt
sich diese bei den Sechsjährigen bereits als statistisch bedeutsamer Unterschied (Mm=
107cm; Mw= 98cm).
Bezieht man den Gewichtsstatus der Kinder in die Betrachtungen ein, so springen normaloder
untergewichtige Mädchen geringfügig weiter als übergewichtige oder adipöse Mädchen.
Für die Jungen lässt sich diese Tendenz nicht aufzeigen. Was die Wohnlage sowie die
Wohnregion innerhalb Sachsens betrifft, so ließen sich keine Unterschiede erkennen.

Abb. 6: Sprungweite in Zentimetern differenziert nach Alter und Geschlecht
Im Rahmen der deutschlandweiten Einordnung der Ergebnisse wurde deutlich, dass sächsische
Mädchen und Jungen in den einzelnen Altersklassen im Durchschnitt die Leistungen
der Kinder aus der nationalen KiGGS-Stichprobe nicht erreichen können (vgl. Abb. 7). Das
Ergebnis zeigt sich zwar statistisch als nicht signifikant, doch ist dieses Resultat durchaus
ernst zu nehmen.

Abb. 7: Standweitsprung: Vergleich der Ergebnisse aus MoKiS und KiGGS
Testübung Seitliches Hin- und Herspringen
Anhand der Ergebnisse der Testübung Seitliches Hin- und Herspringen lassen sich Aussagen
zur konditionellen Fähigkeit Sprungkraft sowie den koordinativen Fähigkeiten zur
Rhythmisierung und Differenzierung von Bewegungen treffen. Die Rhythmisierungsfähigkeit
wird dabei als die Fähigkeit, den charakteristischen dynamischen Wechsel eines Bewegungsablaufes
zu erfassen und zu realisieren, definiert. Die Differenzierungsfähigkeit dagegen
als diejenige, die zum Erreichen einer hohen Genauigkeit und Ökonomie der auszuführenden
Bewegung nötig ist.
Wie schon beim Standweitsprung steigt die Leistung der Kinder auch beim Seitlichen Hinund
Herspringen erwartungsgemäß mit zunehmendem Alter an. In zwei Versuchen á 15 Sekunden
springen die vierjährigen Mädchen und Jungen im Mittel (M) 17 bis 18-mal hin und
her (Mm= 17; Mw= 18), die Fünfjährigen durchschnittlich 24 bis 25-mal (Mm= 24; Mw= 25). Ab
dem sechsten Lebensjahr erbringen die Jungen (Mm= 30) bessere Leistungen in dieser Übung
als die Mädchen (Mw= 28). Die Zunahme der Leistungsfähigkeit in dieser Testaufgabe
gründet dabei vornehmlich auf energetischen und sensomotorischen Entwicklungsprozessen,
wie dem Kraftzuwachs und der Verbesserung der nervalen Ansteuerung von Muskelgruppen.
Mit Blick auf die Variablen Geschlecht, Gewichtsstatus, Gemeindegröße und Regierungsbezirk
lassen sich keine bedeutsamen Unterschiede in den Leistungen der Kinder aufzeigen.

Abb. 8: Zahl der Sprünge differenziert nach Alter und Geschlecht
Zieht man als Referenzwerte die Daten der KiGGS-Studie hinzu (vgl. Abb. 9), so erreichen
sächsische Jungen in allen Altersklassen etwas bessere Leistungen im Seitlichen Hin- und
Herspringen als die Jungen aus der nationalen Stichprobe. Für die sächsischen Mädchen lassen sich gleiche Einschätzungen bzgl. der hier erfassten motorischen Fähigkeiten vornehmen.
Lediglich die Leistungen der sechsjährigen Mädchen weichen von diesem Trend
minimal ab.

Abb. 9: Seitliches Springen: Vergleich der Ergebnisse aus MoKiS und KiGGS
Testübung Einbeinstand
Zur Untersuchung der koordinativen Fähigkeit Gleichgewicht wurde die Testübung Einbeinstand
ausgewählt. Sie misst die Fähigkeit eines Kindes seinen gesamten Körper im
Gleichgewichtszustand zu halten. Erfasst wurde bei der Testübung Einbeinstand, wie häufig
die Kinder mit einem Bein auf einer schmalen Schiene stehend, aus dem Gleichgewicht geraten
und zur Korrektur den zweiten Fuß auf den Boden setzen müssen. Die Zahl der Bodenkontakte
des Fußes galt dabei als Indikator für die individuelle Gleichgewichtsfähigkeit.
Während sich für Vierjährige diese Übung als sehr schwierig erweist - sie benötigen innerhalb
einer Minute im Mittel 26 bzw. 27 Bodenkontakte zur Wiederherstellung des Gleichgewichts
- fällt es den Fünfjährigen (Mm5Jahre= 25; Mw5Jahre= 23) und Sechsjährigen (Mm6Jahre= 22;
Mw6Jahre= 19) zunehmend leichter die Balance zu halten (vgl. Abb. 10). Dabei gelang es nur
einem von 1.338 Kindern ohne Bodenkontakt 1 Minute lang auf der schmalen Schiene zu balancieren.
Auch bei dieser Testübung lässt sich mit zunehmendem Alter eine Verbesserung der Gleichgewichtsfähigkeit
konstatieren. Im Gegensatz zu den vorausgehenden Testübungen zeigen
sich beim Einbeinstand die Mädchen etwas leistungsstärker. Sie benötigen im Mittel ein bis
drei Bodenkontakte weniger als Jungen, um ihr Gleichgewicht eine Minute lang aufrecht zu
erhalten.

Abb. 10: Zahl der Bodenkontakte differenziert nach ’Alter’ und ’Geschlecht’
Analysiert man die Ergebnisse beim Einbeinstand mit Blick auf die Variable Gewichtsstatus,
so lässt sich lediglich eine leichte Tendenz dahingehend feststellen, dass übergewichtige
und adipöse Kinder etwas größere Schwierigkeiten haben die Balance zu halten, als Normaloder
Untergewichtige. Bei den Jungen zeigt sich diese Tendenz schwächer als bei den Mädchen.
Was die Variablen Regierungsbezirk und Gemeindegröße betrifft, gibt es keine Unterschiede
zu besprechen.
Im Vergleich mit den bundesweiten Ergebnissen der KiGGS-Stichprobe ist die Gleichgewichtsfähigkeit
sächsischer Jungen und Mädchen über alle Altersgruppen hinweg als
schlechter ausgeprägt einzuschätzen (vgl. Abb. 11). Dabei sind die Unterschiede bei den
Vierjährigen noch minimal; bei den Fünf- und Sechsjährigen nehmen sie mit steigendem Alter
sehr deutlich zu.

Abb. 11: Einbeinstand: Vergleich der Ergebnisse aus MoKiS und KiGGS
Testübung Rumpfbeugen (stand & reach)
Um sichere Aussagen zur Beweglichkeit der Kinder treffen zu können, wurde die Testübung
Rumpfbeugen für diese Studie ausgewählt. Wie es die englische Bezeichnung der Testübung
bereits beschreibt, wird untersucht, ob die Kinder mit den Fingerspitzen, aus dem
Stand und mit ungebeugten Beinen, ihre Fußspitzen erreichen können. Betrachtet man die
Ergebnisse aus dieser Studie, so gelingt 35 % der vier- bis sechsjährigen Sachsen dieses
„kinderleichte“ Kunststück nicht. Immerhin erreichen 65 % der Kinder ihre Fußspitzen und
50 % von ihnen können gar unter die Standfläche langen. Die Bandbreite der Leistungen ist
dabei in allen Altersgruppen enorm hoch, wobei weder die Variablen Gemeindegröße und
Regierungsbezirk, noch die Variablen Alter und Gewichtsstatus aus statistischer Sicht differenzierend
wirken.
Betrachtet man die Ergebnisse nach Jungen und Mädchen getrennt, so zeigt sich ein leichter
Unterschied. Mädchen weisen im Mittel eine um 0,5 bis 1,0 cm bessere Beweglichkeit in den
unteren Extremitäten auf als die Jungen (vgl. Abb. 12).

Abb. 12: Abstand zwischen Finger- und Fußspitze in cm differenziert nach Alter und Geschlecht
Im Vergleich mit den bundesweiten Referenzwerten schneiden die sächsischen Jungen erfreulicherweise
besser ab, als ihr deutschlandweites Pendant: Ihnen gelingt es im Durchschnitt
0,5 bis 1,0 cm weiter nach unten zu langen. Zwar sind sächsische Mädchen beweglicher
als sächsische Jungen, doch muss für die Mädchen in allen Altersgruppen eine
schlechtere Beweglichkeit (0,5 bis 1,5 cm) konstatiert werden, als sie die gesamtdeutsche
Mädchen-Stichprobe der KiGGS-Studie aufweist (vgl. Abb. 13).

Abb. 13: Rumpfbeugen: Vergleich der Ergebnisse aus MoKiS und KiGGS
Testübung Hampelmann
Der Hampelmann ist eine motorische Fertigkeit, die im Kindesalter erlernt wird. Dabei wirken
die koordinativen Fähigkeiten „Kopplungsfähigkeit“ und „Rhythmisierungsfähigkeit“ determinierend
für das Erlernen und Können des Hampelmanns. Da bei dieser Testübung nicht nur
das richtig koordinierte Ausführen des Hampelmanns erfasst, sondern die Zahl der Hampelmannsprünge
innerhalb von 10 Sekunden vermerkt wurde, spielt hier auch die motorische
Fähigkeit Schnelligkeit in die Leistung der Kinder hinein. So lassen die Ergebnisse Aussagen
zum Fertigkeitsgrad des Hampelmanns sowie zur Ausprägung der genannten Fähigkeiten
zu.
Betrachtet man die Ergebnisse etwas genauer, so zeigt sich auch bei dieser Testübung eine
Verbesserung der Leistung mit zunehmendem Alter der Kinder. Mädchen haben dabei in allen
Altersgruppen die Nase vorn (Mw4Jahre= 4,0; Mw5Jahre= 7,5; Mw6Jahre= 9,5) und schaffen in
10 Sekunden durchschnittlich 1,5 bis 3 richtig koordinierte Hampelmannsprünge mehr als die
Jungen gleichen Alters (Mm4Jahre= 2,5; Mm5Jahre= 4,5; Mm6Jahre= 7,0;). Dieser Unterschied
scheint statistisch bedeutsam.
Eine Sondierung der Ergebnisse nach möglichen Unterschieden in der Fertigkeit Hampelmannsprung
bzgl. der Variablen Gewichtsstatus, Gemeindegröße und Regierungsbezirk erbrachte
keine nennenswerten Resultate.
Da die Testübung Hampelmann aus dem Pool des Leipziger Motorik-Tests entnommen wurde,
muss der Bewegungsstatus sächsischer Vier- bis Sechsjähriger in dieser Testübung ohne
bundesweiten Vergleich bleiben, da keine entsprechenden Referenzwerte vorliegen.

Abb. 14: Zahl der Hampelmannsprünge differenziert nach Alter und Geschlecht
Testübung Ballwürfe
Das Fangen und Werfen eines Balles ist wie der Hampelmann eine motorische Fertigkeit, die
im Kindesalter zunächst erlernt werden muss. Die zur Untersuchung dieser Fertigkeit gewählte
Testübung summiert drei Teilaufgaben mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad: (1) Ball
hochwerfen und fangen, (2) Ball an die Wand werfen und fangen sowie (3) Ball an die Wand
werfen und ihn nach Bodenkontakt wieder fangen. Nach einem Probedurchgang wurden die
gelungenen Ballwürfe aus je drei Versuchen pro Teilaufgabe erfasst. Wie die Beobachtungen
während der Testdurchführung bestätigen, wirken zum einen die Differenzierungsfähigkeit
und mit Abstrichen, die Reaktionsfähigkeit und Schnelligkeit limitierend auf den erreichten
Fertigkeitsgrad in den Ballwurfaufgaben. Die Reaktionsfähigkeit wird dabei als Fähigkeit
zur schnellen Einleitung zweckmäßiger motorischer Aktionen auf einen bestimmten Reiz hin
verstanden, hier also auf den zurückspringenden Ball.
Nach Analyse der Daten lässt sich konstatieren, dass sächsische Jungen und Mädchen im
Alter von vier Jahren einen Ball durchschnittlich 2-mal hochwerfen und auffangen (1) können
und ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten ausreichen, ihn nach Wandkontakt im Mittel 1-mal
wieder zu fangen (2). Beim Fangen des Balles nach Bodenkontakt (3) gelingt ihnen maximal
ein Versuch. Die Wurf- und Fangfertigkeit ist in der Regel im Alter von fünf Jahren soweit
entwickelt, dass in jedem Schwierigkeitsgrad durchschnittlich zwei von drei Versuchen erfolgreich
absolviert werden. Sechsjährigen gelingt es, die Fertigkeit soweit auszubilden und
zu automatisieren, dass ihnen in der Testsituation zwei bis drei Ballwürfe pro Schwierigkeitsstufe
mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit gelingen.
Eine Analyse der Resultate hinsichtlich der Variablen Gewichtsstatus, Gemeindegröße und
Regierungsbezirk erbringt auch hier keine erwähnenswerten Unterschiede. Wie in Abbildung
15 dargestellt, zeigt sich auch bei der Testübung Ballwürfe eine deutliche Verbesserung der

Abb. 15: Zahl der gelungenen Ballwürfe differenziert nach Alter und Geschlecht
Leistung in Abhängigkeit vom Alter der Kinder. Im Vergleich mit den Jungen weisen Mädchen
bis zum Ende des vierten Lebensjahres einen leichten Vorteil im Fertigkeitsgrad auf.
Schaut man etwas genauer hin (vgl. Abb. 16 und 17), so liegt dieser Vorteil lediglich in einer
höheren Zahl gelungener Würfe im ersten Schwierigkeitsgrad, sprich beim „Ball Hochwerfen
und Fangen“, begründet. In den zwei anderen Testaufgaben mit höheren Schwierigkeitsstufen
relativiert sich dieser leichte Vorsprung wieder.

Abb. 16: Ballwürfe Jungen: Zahl der gelungenen Würfe

Abb. 17: Ballwürfe Mädchen: Zahl der gelungenen Würfe
Da auch die Testübung Ballwürfe aus dem Pool des Leipziger Motorik-Tests stammt, lässt
sich kein nationaler Vergleich vornehmen. Die nunmehr für Sachsen vorliegenden Daten lassen
sich jedoch für Einordnungen des motorischen Entwicklungsstandes einzelner Kinder
oder Gruppen aus Sportvereinen, Kindertagesstätten, Kinderkureinrichtungen, bei Einschulungsuntersuchungen
und für Kindersportabzeichen verwenden.
Testübung visuo-motorische Aufgabe
Anhand der Ergebnisse aus der visuo-motorischen Testaufgabe, bei der ein mit dem Bleistift
gezogener Strich zwei durch eine Gasse voneinander getrennte Objekte ( z. B. Maus und
Käse, Auto und Garage) verbinden soll, lassen sich Aussagen über den Entwicklungsstand
der Auge-Hand- sowie der Feinkoordination der Hand treffen. Der Strich darf dabei weder die
Begrenzungslinie der Gasse berühren, noch unterbrochen sein. Der Schwierigkeitsgrad
nimmt von Testaufgabe 1 bis 5 zu- die Gasse wird immer schmaler. Die Abbildungen 18 und
19 stellen die Ergebnisse dieser Testübung für Mädchen und Jungen getrennt sowie nach
Altersgruppen differenziert dar. Sie zeigen prozentual auf, wie viele Kinder die Malaufgabe
lösen konnten und verdeutlichen den steigenden Schwierigkeitsgrad von Bild 1 zu Bild 5. Gut
zu erkennen ist, dass auch die Visuomotorik sich mit zunehmendem Alter progressiv verhält.

Abb. 18: Jungen: Lösungserfolg bei den Testaufgaben 1 bis 5

Abb. 19: Mädchen: Lösungserfolg bei den Testaufgaben 1 bis 5
Im Vergleich beider Geschlechter zeigt sich insbesondere im Bild 3, wo der Test stärker zu
differenzieren beginnt, dass vier- und fünfjährige Mädchen etwas bessere Leistungen erbringen
als die Jungen der gleichen Altersgruppen. Bei den Sechsjährigen relativiert sich dieser
Unterschied wieder; hier kann man bei Jungen und Mädchen nahezu gleiche Kompetenzen
bzgl. der Auge-Hand-Koordination sowie Feinkoordination der Hand konstatieren.
Was die Variablen Gewichtsstatus, Regierungsbezirk und Gemeindegröße betrifft, so haben
sie auch bei dieser Testübung keinen Erklärungswert für unterschiedliche motorischer Leistungen.
Da man sich aus forschungsökonomischen Gründen nur auf eine Aufgabenvariante aus der
Subskala „visuo-motorische Aufgabe“ des Frostig-Tests beschränken musste, können leider
auch für diese Testaufgaben keine vergleichbaren Referenzwerte herangezogen werden, um
eine nationale Einordnung der sächsischen Ergebnisse vorzunehmen.
4.4 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse
Die vorliegende Studie zielte auf eine Statuserhebung zur motorischen Leistungsfähigkeit
sächsischer Vier- bis Sechsjähriger, um die Frage nach der momentanen motorischen Fitness
von Kindergartenkindern in Sachsen beantworten zu können. Ziel der Statuserhebung
war die Ableitung von Schlussfolgerungen für die Bildungsarbeit in den Kindertagesstätten,
insbesondere die Auswahl wesentlicher Inhalte für eine bewegungsbezogene Fortbildung
sächsischer Erzieherinnen und Erzieher. Aufgrund von Überlegungen zum Einfluss städtischer
versus ländlicher Bewegungschancen auf die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern,
lag zudem ein besonderes Augenmerk auf der Erfassung von Stadt-Land-
Unterschieden.
Von Oktober 2007 bis Februar 2008 nahmen insgesamt 1.338 Jungen und Mädchen aus 50
sächsischen Kindertagesstätten an einem standardisierten Kinder-Motorik-Test teil. Die
Auswahl der für Sachsen repräsentativen Stichprobe erfolgte zufällig und bezüglich der Variablen
Regierungsbezirk und Gemeindegröße geschichtet.
Die Ergebnisse der Studie wurden im vorausgehenden Kapitel dargestellt, erklärt und zur Einordnung
der Daten, soweit vorhanden, die Resultate der nationalen KiGGS-Studie herangezogen.
Aussagen zu Entwicklungstendenzen des Bewegungsstatus dieser Altersgruppe
lassen sich aufgrund der erstmaligen Erhebung des Bewegungsstatus Vier- bis Sechsjähriger
in Sachsen nicht formulieren. Um Einschätzungen diesbezüglich vornehmen zu können,
sollte die Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit der Kinder in ca. fünf Jahren erneut
vorgenommen werden.
Zusammenfassend lässt sich folgendes Bild in Bezug auf den momentanen Zustand der motorischen
Leistungsfähigkeit sächsischer Kindergartenkinder zeichnen:
Der Gewichtsstatus der (untersuchten) sächsischen Kindergartenkinder lässt sich im
deutschlandweiten Vergleich als normal einschätzen. Jungen und Mädchen unterscheiden
sich in den einzelnen Altersgruppen hinsichtlich der Auftretenshäufigkeit von Übergewicht und Adipositas nicht wesentlich. Jedoch weist die Prävalenz zum Übergewicht vom vierten
zum sechsten Lebensjahr bereits einen progressiven Verlauf auf. Das bestätigen die im
Rahmen der Schuleingangsuntersuchung erhobenen Daten des Kinder- und Jugendärztlichen
Dienstes Sachsens. Bedenkt man in diesem Kontext, dass ein bewegungsintensiver
Kinderalltag essentiell dazu beiträgt, die Balance zwischen Energieaufnahme (durch die
Mahlzeiten) und Energieverbrauch (durch Bewegung, Spiel und Sport) optimal zu gestalten,
so muss eine verstärkte Sensibilisierung von Erzieherinnen und Erziehern hinsichtlich der
Bedeutsamkeit ausreichender, moderat bis intensiver Bewegung während der Kindergartenzeit
erfolgen.
Bis auf die Fähigkeit Beweglichkeit konnte für alle untersuchten motorischen Fähigkeiten und
Fertigkeiten ein progressiver Leistungszuwachs mit steigendem Alter festgestellt werden.
Dem liegen vor allem reifungs- sowie übungsbedingte Entwicklungen zugrunde. Besonders
ausgeprägt zeigen sich die Leistungszuwächse bei den Testübungen Standweitsprung und
Seitliches Hin- und Herspringen. Hier werden die Resultate vor allem von den vorwiegend
energetisch bestimmten motorischen Fähigkeiten Kraft und Ausdauer beeinflusst. Aber auch
in den koordinationsbestimmten Testübungen Ballwürfe, Hampelmann, Einbeinstand sowie
bei der visuo-motorischen Aufgabe weisen die Kinder deutlich höhere motorische Leistungen
mit zunehmendem Alter auf. Bei diesen Aufgaben basieren die Fortschritte besonders auf
einem übungsbedingt verbesserten Zusammenspiel von Zentralnervensystem und Skelettmuskulatur
während des Bewegungsablaufs. Durch die Initiierung vielfältiger und in Umfang
und Intensität optimal dosierter Bewegungsaufgaben können im Kindergartenalltag wichtige
Entwicklungsreize gesetzt und gesundheitsförderliche Anpassungen frühzeitig bewirkt werden.
So ist es wichtig, dass Kinder nicht nur induktiv Bewegungserfahrungen im Kindergarten
sammeln, sondern Spiel- und Bewegungsideen auch in hohem Maße kindgerecht angeleitet
vermittelt werden.
Unter besonderer Beachtung der Geschlechterunterschiede lässt sich konstatieren, dass
Mädchen in den vorwiegend koordinativ bedingten Aufgaben tendenziell bessere Leistungen
erbringen als Jungen. Sie weisen in allen Altersgruppen eine höhere Gleichgewichtsfähigkeit
beim Balancieren und eine bessere Kopplungsfähigkeit beim Hampelmann auf. Bis zum
sechsten Lebensjahr lassen sich für die Mädchen bessere Ergebnisse in der Differenzierungs-
und Reaktionsfähigkeit (Ballwürfe) sowie für die Auge-Hand- bzw. Feinkoordination
bei der Malaufgabe aufzeigen. Dagegen zeichnen sich die Jungen in den überwiegend energetisch
bestimmten Übungen mit tendenziell besseren Kraft- und Ausdauerleistungen aus.
Was die Übung Rumpfbeugen betrifft, so sind Mädchen im Mittel etwas beweglicher als Jungen.
Denkt man an das geschlechterspezifische Spiel- und Bewegungsverhalten von vierbis
sechsjährigen Jungen und Mädchen, so könnten Unterschiede in der Ausprägung der
motorischen Leistungen auf Übungseffekten in den unterschiedlichen Beanspruchungsbereichen
gründen. So profitieren Jungen möglicherweise stärker von intensiven, konditionell geprägten
Bewegungsspielen, Mädchen dagegen von vornehmlich koordinativ bestimmten und
fertigkeitsorientierten Bewegungsaktivitäten.
Nur selten lässt sich ein Einfluss des Gewichtsstatus auf die Ergebnisse in den einzelnen
Testübungen ermitteln. Im Einbeinstand, als Indikator der Gleichgewichtsfähigkeit eines Kindes,
erreichen übergewichtige oder adipöse Jungen und Mädchen tendenziell schlechtere
Leistungswerte, als normal- und untergewichtige Kinder. Eine ähnliche Tendenz lässt sich für
die Mädchen im Standweitsprung (Sprungkraft und Kopplungsfähigkeit) feststellen. In allen
anderen untersuchten Bereichen der Motorik taugt die Variable Gewichtsstatus nicht ausreichend
zur Erklärung von Leistungsunterschieden. Abgesehen von den negativen Gesundheitswirkungen,
ist anzunehmen, dass ein hoher Gewichtsstatus die Qualität und Quantität
der Ausführung von Bewegungsaufgaben in diesen Altersgruppen noch nicht drastisch beeinflusst.
Damit ist die Chance gegeben, übergewichtigen und adipösen Kindern im Vorschulalter
Freude, Spaß und Erfolge bei Bewegung, Spiel und Sport erleben zu lassen und
sie damit für einen lebenslang bewegungsaktiven Lebensstil begeistern zu können.
Die vorgenommenen Analysen zur Ermittlung möglicher Unterschiede in der motorischen
Leistungsfähigkeit von Kindern aus städtischen versus ländlichen Wohnregionen Sachsens
erbrachten keine nennenswerten Ergebnisse. Dabei wurde die Auswahl der Kindertagesstätten
von Beginn an so gestaltet, dass Kinder aus dörflichen bis großstädtischen Wohnregionen,
sprich allen acht Gemeindegrößenklassen Sachsens, in der Stichprobe vertreten waren.
Jedoch lassen sich für die Altersgruppe der vier- bis sechsjährigen Kinder dahingehend keine
bedeutsamen Unterschiede im Bewegungsstatus diskutieren. Gleiches gilt für die Analysen
zur Wohnregion der Heranwachsenden innerhalb Sachsens, bei denen eine differenzierte
Betrachtung nach Regierungsbezirken vorgenommen wurde.
Ein innerdeutscher Vergleich der sächsischen MoKiS-Daten mit den Ergebnissen der
deutschlandweiten KiGGS-Studie ist nur für den Einbeinstand, das Seitliche Hin- und Herspringen‚
das Rumpfbeugen sowie den Standweitsprung möglich. Dabei weisen sächsische
Kinder in der Testübung Seitliches Hin- und Herspringen tendenziell bessere Ergebnisse auf
als Kinder der bundesweiten Stichprobe. Gegenteiliges muss für die Resultate der Testübung
Standweitsprung konstatiert werden. Im Rumpfbeugen ließ sich für die sächsischen
Jungen im bundesweiten Vergleich ein besserer Entwicklungsstand feststellen; für die Mädchen
ein tendenziell schlechterer. Die Differenzen hinsichtlich dieser Fähigkeiten sind insgesamt
betrachtet als eher minimal einzuschätzen. So kann man davon ausgehen, dass sächsische
Kinder in ihrem Bewegungsstatus dem nationalen Stand entsprechen. Allein was die
Testübung Einbeinstand, und damit die Gleichgewichtsfähigkeit der vier- bis sechsjährigen
Sachsen betrifft, zeigt sich progressiv mit zunehmendem Alter eine Differenz zu den bundesweiten
Ergebnissen der KiGGS-Studie. Hier lässt sich für sächsische Kinder die Notwendigkeit
einer verstärkten Förderung im Bereich der Gleichgewichtsfähigkeit ableiten.

Abb. 20: Sächsische (MoKiS) und nationale Ergebnisse (KiGGS) des Motoriktests im vergleichenden Überblick
Zu möglichen Entwicklungstendenzen aufgrund der sich veränderten Kindheit kann folgender
Hinweis gegeben werden: Einige Autoren weisen auf der Grundlage von Untersuchungen
darauf hin, dass sich weniger die mittlere Leistungsfähigkeit der Kinder verändert hat, sondern
eher die Heterogenität der Leistungen gestiegen ist (vgl. u. a. Jahn & Senf 2006). So
gibt es zunehmend häufiger Kinder mit gravierenden Minderleistungen und gleichfalls häufiger
Kinder mit außergewöhnlich guten Ergebnissen in motorischen Tests. Die Bandbreite der
motorischen Leistungsfähigkeit hat anscheinend zugenommen. Als Maß für die Heterogenität
kann dabei die Streuung der Ergebnisse in den einzelnen Testübungen pro Altersgruppe
herangezogen werden; ein hoher Streuungswert bedeutet dann ein hohes Maß an Heterogenität.
Die Untersuchung der motorischen Leistungsfähigkeit sächsischer Kinder zeigt dabei folgendes
Bild auf: Bei den sechsjährigen Mädchen finden sich beispielsweise im Standweitsprung
Minimalsprungweiten von 35 cm und Maximalweiten von 142 cm. Solche extremen Beispiele
lassen sich für alle durchgeführten Tests aufzeigen. So gelingt es dem leistungsschwächsten
sechsjährigen Jungen beim Rumpfbeugen sich mit den Fingerspitzen geradeso bis auf
18 cm den Fußspitzen zu nähern, dem besten Gleichaltrigen dagegen 15 cm unter die
Standfläche zu langen. Betrachtet man energetisch- und informationsbedingte Fähigkeiten
getrennt, so wird bei Jungen und Mädchen im Standweitsprung und Seitlichen Hin- und Herspringen
die Streuung im Verhältnis zum Mittelwert mit ansteigendem Alter kleiner. Das bedeutet,
dass die motorischen Anforderungen von Fünf- und Sechsjährigen zunehmend häufiger
bewältigt werden als von Vierjährigen. Im Gegensatz dazu erhöht sich der Wert der
Streuung im Test Einbeinstand über die Altersklassen hinweg. So streuen die Gleichgewichtsleistungen
der vierjährigen Jungen und Mädchen um mehr als 20 % um den Mittelwert,
bei den Fünfjährigen um mehr als 30 % und bei den Sechsjährigen um weit über 40 %. Unter
der Annahme, dass sich koordinative Fähigkeiten stärker durch Übungseffekte als durch Reifungsprozesse
entwickeln, ist der starke Anstieg der Heterogenität auf mangelnde Übung
und Förderung des Gleichgewichts bzw. der Balance zurückzuführen. So könnten diese
Entwicklungstendenzen als ein wichtiger Hinweis für Effekte der veränderten Bewegungswelt
auf die motorischen Leistungen von Kindern gedeutet werden.



